Achenbach Hagemeier

Press Release


Pressemitteilung April 2020

ACHENBACH HAGEMEIER
präsentiert 

SCULPTURE ZEITGEIST?

Claudia Comte, Jörg Immendorff, Markus Lüpertz und Amalia Pica


23. April 2020 – 23. Mai 2020

Achenbach Hagemeier freut sich außerordentlich auf die Gruppenausstellung „SCULPTURE ZEITGEIST?“ mit vier einschlägigen Positionen der Bildhauerei und Installationskunst. Aus gegebenem Anlass wird auf eine Ausstellungseröffnung verzichtet.

Was ist die Kunst ohne Betrachter? Eine Diskussion ohne Gesprächspartner? Ein Monolog ohne Subjekt? Unvorstellbar. Dennoch scheint unser aktueller Zeitgeist unfreiwillig und schmerzvoll genau dorthin zu führen: leere Museen, leere Kathedralen, leere Galerien, nicht wahrgenommene Kunst, die normalerweise auf dem Prinzip des Observierens basiert. Ein geistiger Dialog stagniert? Dabei gilt doch insbesondere für die Medienspezifik der Skulptur, dass sie im öffentlichen Diskurs ihre volle Entfaltung findet. Beispielhaft für ihre Rolle in der Öffentlichkeit sind die Skulptur Projekte Münster, welche im dekadischen Turnus einen skulpturalen Zeitgeist dokumentieren. Ein Großevent dieses Formates wäre zum jetzigen Zeitpunkt absolut undenkbar. Unsere humanitären Werte sprechen für etwas anderes: #stayhome. Unser Leben verlagert sich momentan zwangsläufig zum Privaten und Persönlichen. Daher soll die Ausstellung Sculpture Zeitgeist? die Bedeutung von Ausstellungen am Leben halten, Strömungen dokumentieren, Denkanstöße geben und zudem Kunst als visuelles Erlebnis bewahren.

In Auseinandersetzung mit der äußeren Welt versucht das Künstler-Ich seine Gültigkeit zu finden. In Reflektion und Adaption der historischen und sozialpolitischen Gegebenheiten entsteht ein Wirklichkeitsabbild. Daher ist es nur notwendig, dass Künstlerinnen wie Claudia Comte (*1983) und Amalia Pica (*1978) neue Formensprachen und semiotische Systeme entwickeln und Maler wie Jörg Immendorff (1945–2007) und Markus Lüpertz (*1941) mediale Grenzen verschwimmen lassen, um einen technischen Horizont zu erweitern. In dieser zweiten Zeitgeist-Ausstellung, die sich nach Painting Zeitgeist? mit der Medienspezifik der Skulptur befasst, begegnen sich zwei kontroverse Künstler-Generationen. In komprimierter Form und generationsübergreifend verfolgt Sculpture Zeitgeist? eine mögliche Annäherung an einen Zeitgeist Terminus.

Jörg Immendorff und Markus Lüpertz – führende Künstler ihrer Generation – prägten mit ihren Skulpturen einen archaischen Stil. Monumental in Maß und Form, unterstreicht die Bronze als massives Material wortwörtlich ihre autoritäre Gewichtung. Gäbe es momentan die Möglichkeit sein Leben wie gewohnt draußen zu verbringen, könnte man ihre Plastiken für die Ewigkeit entlang des Rheinlandes und im Ruhrgebiet ablaufen. So etwa Lüpertz bemalte Bronze-Helden: Die Beethoven-Skulptur in Bonn (2014) oder sein achtzehn Meter hoher Herkules-Koloss im Gelsenkirchener Nordsternpark, deren stilistisches Pendant als Hölderlin-Kopf (2012) in dieser Ausstellung zu finden ist. Frühe skulpturale Arbeiten wie Das muß dein allerliebster Tanz sein (ca. 1980er Jahre) entspringen einer abstrakteren und farbvolleren Komposition. Sie können einem Neoexpressionismus zugeordnet werden. Für Lüpertz, der lange die Position als Rektor an der Düsseldorfer Kunstakademie innehatte, ist die künstlerische Fortentwicklung mit einer Orientierung an früheren Vorbildern ausschlaggebend:

„Es gibt keine bildende Kunst, die nicht irgendwann einmal in einem Tempel zuhause war. Jeder Säulenstumpf ist der Anfang eines Baumes von Munch, und der wiederum der Arm bei Beckmann.“
– Markus Lüpertz, 2009

Wie auch Lüpertz Heldenfiguren sind viele der Immendorff Bronzen von der deutschen Nachkriegszeit geprägt. Neben den ikonischen Affenskulpturen, die zu Immendorffs Künstler-Image beitrugen, schuf er prägnante Werke, die in Sculpture Zeitgeist? zu sehen sind: Deutscher Adler (1986) und Wiedervereinigung (1989). Während der Deutsche Adler vielmehr eine Karikatur seiner selbst verkörpert, erinnert die schlichte Ästhetik der symbolträchtigen Figur der Wiedervereinigung an ein Nadelöhr. Das geteilte Deutschland als Einheit aus einem Bronzeguss. Diese Skulptur des Triumphes entstanden im Jahr des Mauerfalls. Immendorff demonstrierte seit den 1970er Jahren nicht nur in Flugtexten und seiner malerischen Serie Café Deutschland (1977-1982) vehement gegen die antidemokratischen Strukturen der DDR.

Seit den 80er Jahren wurde die traditionelle Plastik von raumgreifenden Installationen abgelöst. Der Schwerpunkt verlagert sich seither mehr und mehr auf konzeptionelle Arbeiten und anstelle der Monument-Skulptur gewinnt das Ephemere und Konzeptionelle an Bedeutung. Kommunikation, Sprache und Metapher sind zentrale Themen in Amalia Picas Werk. In ihrer Catachresis-Serie konstruiert die aus Argentinien nach Großbritannien immigrierte Künstlerin mithilfe gefundener Objekte metaphorische Wortspiele. So beziehen sich die leblosen Objekte auf die menschliche Physis, zum Beispiel: Stuhlbein, Flaschenhals, Schraubenköpfe. Die lose assemblierten Einzelteile erfahren somit ein skurriles Eigenleben. Traditionelle Materialien der Bildhauerei wie Marmor, Granit und Speckstein finden in ihrer Serie In The Praise Of Listening Verwendung. Die Materialien, die Pica für die überdimensionalen Hörgeräte verwendet, entziehen sich ihrer üblichen Konnotation. So verweist eine akustische Hilfe vielmehr auf eine körperliche Einschränkung als auf eine Glorifizierung, die oftmals in Marmor ausgedrückt wird. Denken wir jedoch an den demografischen Wandel, enthält diese Darstellung eine spannende Relevanz. Denn die Ästhetisierung eines scheinbar trivialen Gegenstandes untersucht fundamentale Systeme der Kommunikation und unserer Gesellschaft. Picas Interesse an Parallelen zwischen Form und Politik begründet sich nicht zuletzt durch ihre Erfahrung in einer Diktatur aufgewachsen zu sein. Hochkarätige Auszeichnungen für ihr Oeuvre erhielt sie unter Anderem 2020 als Gewinnerin des Zurich Art Prize.

Eine enorm vielseitige Formensprache zeigt sich im umfassenden Werk von Claudia Comte. Ihr performativer Beitrag auf der Biennale Venedig oder eine überdimensionierte Installation auf der Art Basel sowie eine Einzelausstellung auf 1.059 Quadratmetern im Kunstmuseum Luzern sprechen Bände. In ihren klaren Formen finden sich Einflüsse des Abstrakten Expressionismus, der Op-Art, Konkreter Kunst und aus dem Comic-Genre. Auf der einen Seite sägt die gebürtige Schweizerin mit einer Kettensäge Knochen aus Kirsch- und Olivenholz und auf der anderen Seite entstehen in ihrem Atelier glasierte Keramik-Hasenohren. Die Konturen ihrer Skulpturen orientieren sich stark an Cartoons, während sie gleichzeitig in eine minimalistische Geometrie eingeflochten werden. Durch die unkonventionelle Melange aus Komik und geometrischer Ernsthaftigkeit in Schwarz und Gold, erhalten ihre Arbeiten einen einzigartigen Stil. Klassischerweise präsentiert sie Objekte auf Sockeln, exponiert dabei nicht nur das Spiel gegensätzlicher Formen, sondern verweist auf die dem Holz eigene Maserung. Ihre Ausstellungen entstehen meist als ortsspezifisches Gesamtkunstwerk. So beginnt sie zunächst mit Wandmalereien, die in Korrelation mit ihren Skulpturen und Bildern stehen und mit Richard Serra verglichen werden. Sie widmet ganze Räume um, erweitert die vorgefundene Architektur und erschließt dem Betrachter neue Welten.

Theresa Wirtz


PRESS RELEASE

ACHENBACH HAGEMEIER

presents 

SCULPTURE ZEITGEIST?

Claudia Comte, Jörg Immendorff, Markus Lüpertz and Amalia Pica


23 April 2020 – 23 May 2020

Achenbach Hagemeier is extremely pleased to present the group exhibition SCULPTURE ZEITGEIST? featuring four relevant positions from the fields of sculpture and installation art. Given the present circumstances, the gallery will not hold an opening.

What is art without an observer? A conversation without a partner? A monologue without a subject? Unimaginable. Yet this seems to be exactly where the contemporary zeitgeist is taking us, however involuntarily and painfully: empty museums, empty cathedrals, empty galleries, unseen art that was otherwise based on the principle of observation. A stagnating mental dialog? This is especially the case for the specificities of sculpture as a medium, which achieve their fullest development in public discourse. The Skulptur Projekte Münster, which documents the sculptural zeitgeist in a ten-year rhythm, is exemplary of sculpture’s role in the public space. A large-scale event of this kind would be absolutely unthinkable now. Our humanitarian values demand something else: #stayhome. Our lives are currently being forced into the private and personal spheres. In this context, the exhibition Sculpture Zeitgeist? aims to keep the significance of exhibitions alive, document current tendencies, offer food for thought, and preserve art as a visual experience.

The artistic subject strives to find its raison d'être by engaging with the external world. An image of reality is produced by reflecting on and adapting the historical and sociopolitical conditions of the present. That’s why it’s necessary for artists like Claudia Comte (*1983) and Amalia Pica (*1978) to develop new formal languages and semiotic systems, while painters like Jörg Immendorff (1945–2007) and Markus Lüpertz (*1941) blur medial boundaries in order to expand their technical horizon. Following from Painting Zeitgeist?, this second zeitgeist explores the specificities of sculpture as a medium by juxtaposing two controversial generations of artists. Sculpture Zeitgeist? thus approaches one possible conception of the zeitgeist by looking at two generations of artists in a very compressed form.

The sculptures of Jörg Immendorff and Markus Lüpertz—leading artists of their generation—are characterized by an archaic style. Monumental in scale and form, the choice of bronze as a material underscores their authoritarian severity. If we could spend our lives outdoors as we usually would these days, we could visit their sculptures for eternity throughout the Rhineland and Ruhrgebiet. Take for example Lüpertz’ painted bronze heroes like the Beethoven (2014) sculpture in Bonn or his eighteen-meter tall Herkules von Gelsenkirchen (2010) in Gelsenkirchen’s Nordsternpark, whose stylistic equivalent, the Hölderlin (2012) head, is on view in the exhibition. Early sculptures like Das muß dein allerliebster Tanz sein (That must be your favorite dance, ca. 1980s) developed out of more colorful, more abstract compositions and can be seen as part of the Neo-Expressionist movement. For Lüpertz, who was once the longstanding director of the Kunstakademie Düsseldorf, it was critical that art move forward while still being oriented to models of the past:

“There isn’t any art that wasn’t once at home in a temple. Every truncated column is the beginning of one of Munch’s trees, or one of Beckmann’s arms.”
– Markus Lüpertz, 2009

Much like Lüpertz’ hero figures, Immendorff’s bronzes are strongly influenced by the experience of post-war Germany. In addition to his signature ape sculptures, Immendorff produced several other incisive sculptures including Deutscher Adler (German Eagle, 1986) and Wiedervereinigung (Reunification, 1989), which are both on view in the exhibition. While the German eagle embodies a caricature of itself, the austere aesthetics of his symbol for reunification evoke the eye of a needle. Divided Germany is unified in a single cast of bronze. This triumphant sculpture was produced in the same year the wall fell. From the 1970s on, Immendorff vehemently protested against the GDR’s antidemocratic structures, both in his Café Deutschland (1977-1982) series as well as his pamphlets.

Since the 80’s, traditional sculpture has been superseded by immersive installations. The focus has increasingly shifted towards more conceptual works, while ephemeral and cerebral experiences have come to occupy the place once held by monumental sculpture. Communication, language, and metaphor are some of the central themes in Amalia Pica’s work. In her Catachresis series, the artist who emigrated from Argentina to the UK constructs metaphorical wordplays using found objects. The lifeless objects begin to refer to the human body: chair legs, bottle necks, screw heads. Her loosely assembled elements thus take on a bizarre life of their own. By contrast, her series In The Praise Of Listening deploys more traditional sculptural material like marble, granite, and soapstone. Yet the materials Pica uses for her oversized hearing aid are evacuated of their usual connotations. This depiction acquires a special poignance when one thinks of it in the context of demographic change. Her aestheticization of a seemingly trivial device examines fundamental systems of communication and our society as a whole. Pica’s interest in the parallels between form and politics developed partly out of her experience of growing up under a dictatorship. Her oeuvre has recently been recognized by the prestigious Zurich Art Prize in 2020.

An overview of Claudia Comte’s work reveals a highly diverse formal language. Her performative contribution to the Venice Biennial, the enormous installation at Art Basel, not to mention her solo exhibition spanning 1,059 square meters of the Kunstmuseum Luzerne all speak volumes. Her clear forms testify to influences as varied as Abstract Expressionism, Op-Art, Concrete Art, and comics. On one hand, the Swiss artist saws bones out of cherry and olive wood, while on the other she produces glazed ceramic rabbit ears in her studio. Her sculptures’ contours evoke cartoons while still intertwining with a minimalist geometry. Her works acquire their unique style precisely through this unconventional melange of comics and geometric seriousness in black and gold. She presents her objects on pedestals in classical fashion, yet she not only exhibits the play of opposed forms but also points to the grain of the wood itself. Her exhibitions mostly unfold as site-specific gesamtkunstwerke. She starts with wall paintings that correlate to her sculptures and images, and which can even be compared with the work of Richard Serra. Entire rooms are redefined by expanding the existing architecture, thus opening new worlds for the viewer.

Theresa Wirtz