Achenbach Hagemeier

PRESS RELEASE

PRESS RELEASE

Pressemitteilung November 2019 

ACHENBACH HAGEMEIER
präsentiert 

Nils Bleibtreu und Walker Brengel 
(IM)MATERIALITY
15. November 2019 – 04. Januar 2020

Achenbach Hagemeier freut sich auf die Gegenüberstellung „(IM)MATERIALITY“ des in Düsseldorf lebenden Malers Nils Bleibtreu und des in Berlin lebenden Künstlers Walker Brengel. Die Ausstellungseröffnung findet am 14. November von 19 – 21 Uhr statt.

Imitieren, Verhüllen, Versperren, Dekonstruieren, Auflösen. Die Künstler Nils Bleibtreu und Walker Brengel adressieren ähnliche materielle Qualitäten, auch wenn sich verwendete Technik und Ästhetik zunächst voneinander unterscheiden. Kontrastierend begegnen sich in der Ausstellung zwei künstlerische Positionen, die den Besucher von urbanen Ruinen in zarte Farb-kompositorische Poesie entgleiten lassen. Während Bleibtreus Arbeiten wie Anti-Monumente der Zivilisation von melancholischer Fragilität zeugen, verwendet Brengel Dekonstruktion und Fragmentierung in minimalistischer Manier und macht somit konzeptuell auf Kanten, Risse und Leerstellen aufmerksam.

Walker Brengels Schaffen basiert auf dem Spannungsmoment von Kontrastsituationen. Er kam 1991 in Milwaukee in Wisconsin zur Welt, wo er nach seiner Schulausbildung zunächst freie Kunst und Mathematik studierte. Später entschied er sich dazu, seine Ausbildung bei Leiko Ikemura an der Universität der Künste in Berlin fortzusetzen. 2016 absolvierte er das Studium der Malerei bei Michael Müller. Sein zuvor begonnenes Mathematikstudium beeinflusste weniger die Formensprache seiner Werke als eine kalkulierte Denkform, die ihn gleichermaßen interessiert, wie die gegensätzlichen losgelösten, kreativen Denkstrukturen der freien Kunst. In konzeptioneller Subtilität untersucht Brengel Spannungsverhältnisse in Material und Form. Leerstellen, Kanten und Brüche in den sonst so angenehm einheitlichen Kompositionen verunsichern das Auge und hinterfragen die Maximen von großen Minimalisten wie Ad Reinhardt und Agnes Martin.

In seinen großformatigen Gemälden versucht Brengel Raum kompositorisch zu definieren. Dabei spielen Hierarchien zwischen Vorder- und Hintergrund sowie eine gewisse Unkontrolliertheit eine bedeutende Rolle. Komplementärkontraste steigern klar gezogene Abgrenzungen, die jedoch durch Umkehrungen ironisiert werden und sich einer perfekten Symmetrie und eindeutigen Flachheit entziehen. Der 28-jährige Künstler arbeitet den Pinselstrich so akkurat in die Fläche ein, dass jede Spur einer künstlerischen Handschrift verschwindet, um daraufhin mit dieser minimalistischen Tradition zu brechen. Er platziert beispielsweise mit ironischer Konnotation seine Initialen „W.B.“ inmitten des Bildes. Derartige Brüche mit dem Gewohnten sollen den Betrachter bewusst irritieren und eine einheitliche Bildrezeption hinterfragen. 

Besonders in seinen Totem-Skulpturen, die sich als plastische Extension seiner Malerei beschreiben lassen, wird das aktive Einwirken des verwendeten Materials auf den passiven Betrachter deutlich. Die betonierten Gerüste der Plastiken veräußern die massive Statik eines Rohbaus, während das Innere durch die Instabilität des schaumartigen Baustoffes Polyester-Urethan das Äußere kontrastiert. Die lichte Struktur, welche von dem weichen Schaum ausgeht, steht nicht nur in Kontrast zu ihrem Betonmantel, sie steht auch in einem Spannungsverhältnis zum Betrachter. Er fühlt sich durch die gesteigerte Stofflichkeit des Schaumes aufgefordert diesen mit seinen Händen abzutasten. Der museale Kanon des Kunstbetriebes verbietet dem Betrachter jedoch das Berühren von Kunstobjekten. Somit evoziert Brengel ein Dilemma zwischen Mensch und Materialität. 

Für Nils Bleibtreu, der bis 2014 an der Kunstakademie Düsseldorf als Meisterschüler bei Tal R studierte, steht insbesondere die malerische Qualität seiner Arbeiten im Vordergrund. Grundlage dieser Arbeiten ist ein Baumaterial aus gewelltem Polyester, welches oftmals für dürftige Dachkonstruktionen verwendet wird. Ausgeübt auf dem unebenen Malgrund formen Industrielacke aus der Lackierpistole genauso wie klassische Pinselstriche einen heterogenen Duktus. Sorgsam wählt Bleibtreu Farben, überdeckt diese und fügt einzelne Sedimentschichten erneut aneinander und übereinander. Auf experimentelle Weise nähert er sich dem klassischen Dispositiv eines Tafelbildes. Verdeckte Farbschichten und assemblierte Sedimentplatten ergeben schlussendlich die Modelliermasse des Malgrundes. Auch wenn nicht sofort ersichtlich, sind sie ebenso bedeutungsvoll wie die Strukturen, die an der Oberfläche zum Vorschein kommen. Dabei spielen interdisziplinäre Methoden wie die des Samplings, des Recycelns und Ausprobierens eine entscheidende Rolle. 

Bleibtreus Farbauftrag und Material lassen an Werke von Sterling Ruby denken und die verschwiegene Emotionalität der Oberflächenstruktur erinnert an Murals des Informel-Malers Antoni Tàpies. Dabei stellt die Ästhetik der Verletzlichkeit ein ebenso zentrales Thema in Bleibtreus Arbeiten dar, wie das Ruinenhafte: Könnten so Spolien unserer Zeit in der Zukunft aussehen? Sind dies unsere Akropolis und Venus von Milo, Beweis unserer Existenz, wenn wir schon lange nicht mehr auf dieser Erde sind? Nils Bleibtreu selbst kategorisiert seine Arbeit auch als „dystopischen Neo-Rokkoko des frühen 21. Jahrhunderts“. 

Es ist für den Betrachter verführerisch, Parallelen zu Street-Art und zum Ruhrgebiet aufzuführen, jedoch ist es ebenso einschränkend. Zwar verstehen sich Bleibtreus hyper-realistische Arbeiten als authentische Reaktion auf seine direkte Umgebung – die Diversität an Referenzen übersteigt jedoch diese Lokal- und Mediums-Spezifik und verschließt sie vor weiteren Deutungsebenen. Das Material spricht eine kontemporäre Universalsprache, die gleichermaßen in Bottrop wie in Shanghai und New York verstanden wird – eben in jedem urbanen Raum.

Materialität beschreibt nicht die spezifischen Eigenschaften, die ein bestimmtes Material beinhaltet – vielmehr meint es eine reziproke Beziehung zwischen Artefakt und Mensch resultierend aus sozialhistorischen Konnotationen. Die Beschaffenheit eines Materials wirkt demnach aktiv auf den Betrachter ein und unterliegt nicht nur seiner visuellen Determinierung. Diese Beziehung soll in der Ausstellung (IM)MATERIALITY von Nils Bleibtreu und Walter Brengel beleuchtet werden. 

Theresa Wirtz

PRESS RELEASE

Press Release November 2019 

ACHENBACH HAGEMEIER
presents 

Nils Bleibtreu and Walker Brengel 
(IM)MATERIALITY
November 15, 2019–January 14, 2020

Achenbach Hagemeier eagerly anticipates the dual exhibition (IM)MATERIALITY by Düsseldorf-based painter Nils Bleibtreu and Berlin-based artist Walker Brengel. The exhibition opening will take place on November 14, from 7 to 9 pm.

Imitation, concealment, obstruction, deconstruction, disintegration. The artists Nils Bleibtreu and Walker Brengel address similar material qualities in their work, even if the technique and aesthetics used differ from each otherinitially. The exhibition contrasts these two artists against each other, allowing visitors to glide from urban ruins to subtle compositional color poetry. While Bleibtreu’s works embody a melancholy fragility as anti-monuments of civilization, Brengel uses deconstruction and fragmentation in a minimalist way, drawing attention to edges, fissures, and voids through his concept.

Walker Brenkel’s work is based on the tension of contrast situations. He was born in Milwaukee, Wisconsin in 1991, where he began studying liberal arts and mathematics after finishing high school. He later decided to continue his education under Leiko Ikemura at Universität der Künste Berlin. In 2016 he completed his studies of painting under Michael Müller. His previous study of mathematics influenced the formal language of his works less than it influenced a calculated way of thinking that interests him just as much as the opposing, detached, creative thought patterns of the liberal arts. With conceptual subtlety, Brengel explores the charged relationship between material and form. Voids, edges and fractures in the otherwise pleasantly uniform compositions unsettle the eye and challenge the maxims of great minimalists such as Ad Reinhardt and Agnes Martin.

In his large-format paintings, Brengel attempts to define space in a compositional manner. Hierarchies between the foreground and background and a certain lack of control all play an important role here. Complementary contrasts heighten clearly drawn boundaries, though these are ironized through inversions and evade any sense of perfect symmetry or unambiguous flatness. The 28-year-old artist works his brushstrokes so accurately into the surface that any trace of a personal handwriting vanishes. At the same time, he breaks with this minimalist tradition: He places his initials “W.B.” in the middle of the image with ironic connotations. Such departures from the familiar are intended to deliberately confuse the viewer and challenge a uniform reception of the image.

The materials’ active influence on the passive viewer becomes particularly clear in his totem sculptures, which can be described as a sculptural extension of his painting. The sculptures’ concrete frameworks adopt the massive structure of a shell construction, while the interior contrasts with the exterior through the instability of the foam-like polyurethane building material. The sparse structure—due to the soft foam—not only stands in contrast to its concrete shell but is also in a charged relationship with the viewer, who feels tempted to touch and feel it because of the foam’s heightened materiality. However, the museum-like norms of the art world prohibit visitors from touching art objects. Brengel thus evokes a dilemma between the human and the material.

For Nils Bleibtreu, who studied as a master student at the Kunstakademie Düsseldorf under Tal R until 2014, the focus is on the painterly quality of his works. The base of these works is a building material made of corrugated polyester, which is often used for flimsy roof structures. Applied to the uneven background, industrial paints from a spray gun form a heterogeneous characteristic style just like classic brushstrokes. Bleibtreu carefully selects colours, covers them, and then mixes individual layers of sediment together and overlaps them on top of each other. He approaches the classic structure of a panel painting in an experimental way. Hidden layers of paint and assembled layers of sediment ultimately result in the modelling compound of the background. Although not immediately apparent, they are just as significant as the structures that appear on the surface. Interdisciplinary methods such as sampling, recycling, and testing play a crucial role here.

Bleibtreu’s application of paint and choice of material evoke works by Sterling Ruby and the concealed emotionality of the surface texture is reminiscent of murals by the Informalist painter Antoni Tàpies. The aesthetics of vulnerability are thus just as central to Bleibtreu’s work as the ruins: could the spolia of our time look like this in the future? Are these our Acropolis and Venus de Milo, the proof of our existence when we are long gone from earth? Nils Bleibtreu categorizes his own work as “dystopian Neo-Rococo of the early twenty-first century.”

It is tempting for the viewer to find parallels with street art and the Ruhrgebiet, but this is equally restrictive. Although Bleibtreu’s hyper-realistic works can be understood as an authentic reaction to his immediate environment, the diversity of references transcends the specificities of his locality and medium and seals them off from further levels of interpretation. The material speaks a contemporary universal language that is understood from Bottrop to Shanghai and New York—in fact, in every single urban space.

Materiality does not describe the specific properties of a particular material—rather, it implies a reciprocal relationship between the artifact and humankind as a result of sociohistorical connotations. The nature of a material thus has an active influence on the viewer and is not only subject to their visual appraisal. This relationship will be explored in the exhibition (IM)MATERIALITY by Nils Bleibtreu and Walter Brengel.

Theresa Wirtz