Achenbach Hagemeier

Press Release

Pressemitteilung September 2017

ACHENBACH HAGEMEIER
präsentiert

TIZIANO MARTINI
DIE TÜCKEN DER NEUEN FREIHEIT
(le insidie della nuova libertà)

6. Oktober – 3. November 2017
Opening 5. Oktober 2017, 18 – 21 Uhr

Wir sind es gewohnt, die malerischen Arbeiten in Bezug auf das Thema der Arbeit, folglich auf ihren visuellen Inhalt, zu klassifizieren. Wir betrachten also eine Arbeit genau wie ein Bild, wie eine zweidimensionale Vorrichtung, die im Wesentlichen über die Art der Information, die sie überträgt, beurteilt wird. In unserem Kopf kann eine Arbeit als „figurativ“ definiert werden, wenn sie uns Anzeichen einer repräsentativen Wesensart zur Wirklichkeit überträgt; oder „anikonisch“ (d.h. nicht-figurativ), wenn sie nicht auf der Idee der Mimesis basiert, oder auch, wenn sie keinen direkten Inhalt der Welt enthält, wie wir sie mit unseren Augen sehen1. In dieser Klassifikation ist die Abstraktion Teil der zweiten Gattung und ist, wie es die Geschichte der Avantgarde des vergangenen Jahrhunderts belegt, die Folge einer Entfremdung von der Welt. Ein Aspekt, der auch durch das Etymon des Wortes "Abstraktion"2 hervorgehoben wird.

Die Arbeit von Tiziano, von einer anikonischen Gattung, wird hingegen durch ein entgegengesetztes Verlangen belebt als das, was eine der fruchtbarsten Tendenzen des zwanzigsten Jahrhunderts war. Seine künstlerische Praxis zielt darauf ab, einen Sedimentationsprozess zu entwickeln, der der Farbe erlaubt, sich im weitesten Sinne der Realität auf der Leinwand abzulagern. Was er in seinem Atelier tut, ist tatsächlich ein langer Prozess der organischen Ordnung durch die langsame und wiederholte Arbeitsweise und industriell geprägt durch die Technik und die Typologie der verwendeten Materialien.

Martini trägt auf der Maloberfläche Acrylfarben auf, die gegen die Flächen/Matrizen gedrückt werden. Anschließend, nachdem alles fest fixiert und die Trocknungszeit abgewartet wurde, reißt der Künstler die Farbe mit einer kraftvollen Handlung weg, so dass mit einem größeren oder kleineren Materialanteil Spuren bleiben. Ähnlich wie bei einigen Felsen, an denen sich in geologischen Epochen kontinuierliche Ablagerung von Milliarden von Mineralmolekülen Schicht auf Schicht gebildet haben, erreicht Martini Dutzende von Ebenen, bis die Leinwand visuell besetzt ist, bis die Oberfläche somit ein Gleichgewicht zeigt und weiterhin keine Aufmerksamkeit mehr benötigt. In seiner Praxis wird so die Suche nach einem Gleichgewicht zentral, in dem körperliche-gestische-psychologische Aspekte (die individuelle Notwendigkeit für den Künstler, die chromatischen Drucke persönlich zu prägen und abzureißen) und die visuelle Ordnung interagieren und zwar anhand der Tendenz eines Malermediums hin zur Sättigung durch Acrylbehandlung und Acrylpigmenten.

In diesem Prozess wechseln sich die Arbeitsmomente eigenhändig in einem Zeitraum ab, in dem der Künstler den Stillstand abwartet, der notwendig ist, damit die Farbe sich verfestigt. Sein Werk wird so in viele Intervalle geteilt, an deren Ende immer die Herausforderung eines neuen Reißens steht, für die es notwendig ist, die Zufälligkeit in einem solchen mentalen Zustand zu beherrschen, um eine mögliche Komplikation in eine weitere ausdrucksvolle Möglichkeit zu überführen. In dieser Situation ist es von entscheidender Bedeutung, eine hohe Reaktionsfähigkeit zu haben, die zusammen mit der reifen Erfahrung auf die Ereignisse reagieren kann, damit die vorher festgelegte Handlung abgeschlossen wird (Nach Martinis Hinterlassenschaft offensichtlich eine Reife, die sich auch aus der sportlichen Praxis in den Bergen ergibt, wenn Künstler in den Dolomiten leben).

Die Zusammensetzung der Farben auf der Leinwand ist das Ergebnis der Kombination von freiwilligen Elementen mit zufälligen Aspekten durch die Wiederverwendung der Arbeitsinstrumente und die kontinuierliche Schichtung in seinem Studium der Krusten aus früheren Abrissen, Staub, Pigmenten und anderen Restmaterialien.

Was von der bisherigen Arbeit übrig bleibt, ist in der Tat auch Teil der nächsten Arbeit, die damit die Wirkung von dem, was vorher geschehen ist, mit sich bringt. So gibt es in diesem stetigen Fluss die Reproduktion in malerischer Form eines generativen Begriffs, der aus dem Kreislauf der Natur entsteht und darüber hinaus aus der Tendenz zur fortwährenden Umwandlung der Elemente unserer Realität, die bereits durch das Denken Heraklits3 hervorgehoben wurde. Gerade aus diesem Grund sollten Martinis Arbeiten, angesichts der Zentralität der Ausführung und der kontinuierlichen Wiederverwendung der Bestandteile, auch als visuelle Aphorismen gelesen werden, in denen Variablen wie Zeit, Zufall und Farbe mit Kondensationsphänomenen, Intensivierung und Verknappung verglichen werden.

In seinen Werken tritt die Welt - durch die aus dem Boden gesammelten Farbpartikel und dank der kontinuierlichen Arbeit des Künstlers mit einem menschlichen und zyklischen Zeitsinn - mit einer unsagbaren Kraft in die Leinwand ein.

Daniele Capra

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1          See R. Arnheim, Visual Thinking. Berkeley: University of California Press, 1969.

2           Abstraction comes from Latin wors “abstractus”, composed by the suffix “abs-” (“from distance”) and “trahere”, (“to pull”).

3           See “Everything changes and nothing remains still” and “you cannot step twice into the same stream”, in Plato, Cratylus, paragraph 401 and 402, in David Sedley, Plato's Cratylus, Cambridge University Press, 2003.