Achenbach Hagemeier

Press Release

Pressemitteilung Januar 2019 

ACHENBACH HAGEMEIER
präsentiert 

MOMENT

SABINE DUSEND, ALEX GREIN, MORGAINE SCHÄFER, BERIT SCHNEIDEREIT, LUCIA SOTNIKOVA, ANNA VOGEL

8. Februar – 9. März 2019

„Und alles was ist dauert drei Sekunden.
Eine Sekunde für vorher, eine für nachher, eine für mittendrin.“ 

(Peter Licht, Sonnendeck, 2001

Mit der Ausstellung Moment präsentiert die Galerie Achenbach Hagemeier vom 8.Februar bis zum 9.März 2019 sechs an der Kunstakademie Düsseldorf ausgebildete und im Rheinland arbeitende Fotografinnen. 

Etymologisch wird Moment von momentum, dem lateinischen Wort für Bewegung, Grund, Einfluss, abgeleitet. Der Begriff enthält sowohl einen zeitlichen Aspekt, als ein nicht genau zu definierendes Zeitintervall, sowie auch eine dynamische Definition, als Veränderung eines Ereignisses durch eine Bewegung oder Einflussnahme. In der Bildverarbeitung beschreiben Momente Helligkeitswerte einzelner Pixel, die der Merkmalsgewinnung dienen können. 

In diesem Bezugssystem lassen sich die Arbeiten von Sabine Dusend, Alex Grein, Morgaine Schäfer, Berit Schneidereit, Lucia Sotnikova und Anna Vogel ansiedeln. Neben ihrer Professionalisierung an derselben Hochschule, ausgebildet bei Thomas Ruff, Andreas Gursky und Christopher Williams, markieren die Künstlerinnen mit ihren Fotografien primär transformatorische Elemente des Mediums. Dabei werden analoge und digitale Techniken abgeglichen, das Simulierte mit dem Seienden gegenübergestellt, Ebenen zusammengeführt, Repliken erstellt und die Auflösung als gestalterische Strategie zelebriert. 

Die Fotografie als Ausgangsbasis des Erinnerns ist substanziellerer Bestand der Auseinandersetzung Morgaine Schäfers mit ihrer Biographie. Anhand von Dias aus dem Familienbesitz illustriert sie Konstruktionen der Identität und Geschichtsbildung. Dabei analysiert und archiviert sie überholte Techniken und deren Ästhetik. Schäfer nähert sich der Essenz von Fotografie, indem sie eine vermeintliche Dualität zwischen objektivem Gegenstand und privater, nostalgisch aufgeladener Referenz seziert und offenlegt. Sie markiert die Koexistenz von Narration, ihrer Kausalität und der Metaebene des fotografischen Objekts, das Eigenschaften wie Farbverlust, die Abfolge der Präsentation im Dia-Karussell und haptische Greifbarkeit preisgibt. 

In ihrer Serie „Löschen“ greift Sabine Dusend auf die Charakteristika einer Digitalkamera der ersten Generation zurück und thematisiert die Besonderheiten von deren Löschungsprozess. In einer immer gleich ablaufenden Animation, löscht die Kamera das digitale Bild, indem es in blaue Pixel aufgelöst wird, bevor es gänzlich aus dem Speicher verschwindet. Während internationale Computergiganten in spezielle Auflösungen investieren, die das Erkennen von einzelnen Pixeln nicht mehr möglich machen, wird bei Dusend die Visualisierung des destruktiven Prozesses bildgestalterisches Element. Darüber hinaus verweist sie damit auf die ursprüngliche Zusammensetzung des Bildes. 

Im starken Kontrast zu einer typologischen Objektfotografie, die mit der Düsseldorfer Schule assoziiert wird und die Wesensmerkmale von Gegenständen herausarbeitet, hat sich Anna Vogel hingegen der Verunklärung verschrieben. Fotografische Vorlagen, häufig Footage aus dem Internet, werden mit Lacken übersprüht, weggekratzt oder wie von einem nicht stark ausschlagenden Seismographen mit Tusche überzogen. Es entsteht ein visuelles Vibrato, das sich zitternd über die Fotografie legt. Die Darstellung des Gegenstands löst sich zu Gunsten einer atmosphärischen Verdichtung von Linien auf. Durch Titel wie „Speaker“ und „New cities“ bündelt sie Ursprungsmythen mit Zukunftsutopien. Die mit diesen Titeln einhergehenden Ideenkonstrukte, die verschiedene Ebenen der Interpretation offen lassen, geben einen Kosmos jenseits jeder Zeitlichkeit frei. Durch die Verschmelzung von Fotografie und Malerei weckt Vogel eine Versöhnung der Medien. 

Der britische Fotografie-Pionier H. Fox Talbot bezeichnete seine fotografischen Experimente als fotogene Zeichnungen, die die Natur hervorbringt. Berit Schneidereits Lichthybride stehen in dieser Tradition. In Analogie zu Talbot gilt ihr Interesse der Natur. Trotz romantisierender Anleihen konzentriert sie sich vor allem auf die Konstruktion von Natur im urbanen Raum. Schneidereit erschafft abstrakte Bildräume, die auf realen Aufnahmen fußen. In ihrer Serie „Draperien“ visualisiert sie Sichtschutznetze, die das Bild in wellige Raster gliedern, als würde sich die Wirklichkeit in alpine Falten legen. In ihren Photogrammen, wie in der Serie „Sphere“, changiert sie zwischen digitaler Fotografie und analoger Produktion und nutzt die Fehler, die bei der Übertragung entstehen. Die so erzeugten Tiefen, in die die Bildinformation nicht mehr hinreicht, hinterlassen scherenschnittartige Leerstellen. 

Alex Grein agiert raum-, produktions- und medienreferentiell. Mittels der Fotografie nähert sie sich den Wesensmerkmalen traditioneller Bildproduktion und ihrer Verbreitung sowie der Divergenz von einem Objekt zu seiner Repräsentation. Signifikant für ihre Serie „XS“ war die Einladung eine Ausstellung im Schloss Pless in Pszczyna zu realisieren, bekannt für seine Sammlung von Miniaturportraits. Neben einer starken Auseinandersetzung mit der dortigen Sammlung erfolgte eine touristische Ortsbegehung, wie sie dort alltäglich und zahlreich durchgeführt wird. Die dort entstandenen Eindrücke wurden als komprimierte Form von Daseinsmomenten auf ihrem Mobiltelefon gebündelt. Die so entstandenen Aufnahmen des Interieurs des Schlosses fotografierte wurden wiederum vom Handy abfotografiert, auf dessen Display Glasminiaturen von Grein arrangiert wurde. Aus dieser Überlagerung resultiert eine alice-eske Wahrnehmungsverschiebung. Der Bildraum betrügt den realen Raum um seine Repräsentanz. 

„Replica“ ist eine 1:1-Kopie einer Leuchtreklame, die Lucia Sotnikova vor einigen Jahren im russischen Wolgograd aufgenommen hat. Basierend auf der fotografischen Vorlage rekonstruierte sie ein Replikat des Gegenstandes, das sogar die gleiche Seriennummer trägt. Ferner wirft sie damit die Frage auf, ob sich die Fotografie in ein physisches Objekt zurückführen lässt. Sotnikovas semiologischer Ansatz widmet sich der Übertragung von realen und digitalen Bildräumen und untersucht, ob das Objekt-Raum-Verhältis medial vermittelbar ist. In „Epimorpha“ schlängelt sich eine goldene, verknotete Halskette über schwarz-weiß Abbildungen eines Anatomiebuches. Obwohl Buchdruck und Kette reale Gegenstände sind, nehmen wir die zweite Ebene als digitale Animation wahr. Die Schichtung von Bildebenen, unter anderem auch Bestandteil gängiger Bildbearbeitungstechniken, zeigt, wie symptomatisch das Überlappen von Bildinformationen für unsere Wahrnehmung geworden ist. 

All diesen Positionen ist gemein, dass sie das Moment als Intervall der Verschiebung nutzen. Trotz Unterschieden in chemischer und technischer Zusammensetzung ist der experimentelle Umgang mit den Parametern des Mediums maßgeblich. Die teilnehmenden Künstlerinnen haben die Tür zu der Ära des Digitalen weit geöffnet, ohne die fotografischen Errungenschaften der Vergangenheit oder Erkenntnisse, die aus anderen Medien gewonnen wurden, zu ignorieren. In dieser Praxis liegt die Dehnung der zeitlichen Abfolge – die Erweiterung der Sequenz. 

Katharina Klang 

Press Release January 2019 

ACHENBACH HAGEMEIER
presents 

MOMENT

SABINE DUSEND, ALEX GREIN, MORGAINE SCHÄFER, BERIT SCHNEIDEREIT, LUCIA SOTNIKOVA, ANNA VOGEL

8 February – 9 March 2019

 “And everything that is lasts three seconds. 
One second for before, one for after, one for right in the middle.”

(Peter Licht, Sonnendeck (Sun Deck), 2001)

From 8 February - 9 March 2019, Achenbach Hagemeier presents Moment,it’s first exhibition in their new gallery space in Berlin. The opening will take place on 7 February from 7 – 10 pm. The show consists of six photographers who were educated at the Kunstakademie Düsseldorf and work in theRhineland.

Etymologically, the word moment is derived from momentum, the Latin word for movement, cause, influence. The meaning of the term encompasses both a temporal aspect and a period of time that can not be precisely defined, as well as a dynamic definition—a change in an event caused by movement or the exertion of influence. In image processing, moments describe the brightness values of individual pixels, which can be used to extract particular features.

 

The works of Sabine Dusend, Alex Grein, Morgaine Schaefer, Berit Schneidereit, Lucia Sotnikova, and Anna Vogel are located within this reference system. Apart from their education at the same university under Thomas Ruff, Andreas Gursky, and Christopher Williams, the artists primarily highlight transformative elements of the medium in their photographs. There is a comparison of analog and digital techniques, a juxtaposition between the simulated and the real; levels are merged, replicas are made, and dissolution is celebrated as an artistic strategy.

A substantial element of Morgaine Schäfer'sexamination of her own biography is the idea of photography as the starting point for remembrance. With the aid of family-owned slides, she illustrates how identity and perceptions of history are constructed. In doing so she analyzes and archives outdated techniques and their aesthetics. Schäfer approaches the essence of photography by dissecting and unveiling a supposed duality between an objective item and its private, nostalgically charged reference. She highlights the coexistence of narration, its causality, and the meta-level of the photographic object, which reveals features such as color loss, the presentation sequence in the slide carousel, and their physical tangibility.

 

In her series Löschen (Deletion)Sabine Dusend relies on the features of a first-generation digital camera and addresses the peculiarities of its deletion process. In a constantly running animation, the camera deletes the digital image by disintegrating it into blue pixels before it disappears completely from the camera memory. While international computer giants are investing in special resolutions that make it impossible to make out individual pixels, for Dusend this visualization of the destructive process is a visual creative element. This is also a reference to the original composition of the image.

In stark contrast to typological object photography, which is associated with the Düsseldorf School and focuses on the subject matter’s essential characteristics, Anna Vogel, on the other hand, has dedicated herself to ambiguity. Photographic templates, often footage from the Internet, are spray painted, defaced, or drawn over with ink, as if by a strongly undulating seismograph. The result is a visual vibrato that tremulously overlays the photograph. The depiction of the object disintegrates in favor of an atmospheric compression of lines. She amalgamates origin myths with futuristic utopias through titles such as Speakerand New cities. The constructs behind these titles, which are open to different levels of interpretation, enable a cosmos beyond any temporality. Through the fusion of photography and painting, Vogel kindles a reconciliation between the two media.

The British photography pioneer H. Fox Talbot described his photographic experiments as photogenic drawings produced by nature. Berit Schneidereit’s Lichthybride (Light Hybrids) are of this tradition. Like Talbot, she is interested in nature. Despite borrowing from romanticism, she focuses primarily on the construction of nature in urban space. Schneidereit creates abstract image spaces based on real photographs. In her series Draperien(Draperies), she evokes privacy nets that divide the image into undulating grids, as if reality were lying in alpine folds. In her photograms, such as in the series Sphere, she oscillates between digital photography and analog production and harnesses the errors that arise during the transfer. The depths thus created, into which no visual information can reach, leave behind silhouette-like voids.

 

Alex Grein references space, production, and media in her work. She uses photography to approach the essential characteristics of traditional image production and its distribution, as well as the divergence between an object and its representation. The invitation to realize an exhibition in Pszczyna Castle (formerly Pless), known for its collection of miniature portraits, was significant for her series XS. In addition to a thorough examination of the collection there, there was also a touristic visit of the site, just like the ones conducted there several times each day. The impressions that were formed there were bundled together on her mobile phone as a compressed form of moments of existence. Grein arranged glass miniatures on the phone’s screen and rephotographed the resulting shots of the castle’s interiors from the phone. The result of this superimposition is an Alice-esque shift in perception. The image space cheats the real space out of its representation. 

 

Replicais a 1:1 copy of a neon sign photographed by Lucia Sotnikova a few years ago in Volgograd, Russia. She reconstructed a replica of the item based on the photographic template that even bears the same serial number. She also raises the question of whether a photograph can be retransformed into a physical object. Sotnikova's semiological approach is dedicated to the transmission of real and digital image spaces and investigates whether the object-space relationship is communicable through media. In Epimorphaa golden, knotted necklace snakes around black and white illustrations from an anatomy book. Although the print and the chain are real objects, we perceive the second layer as a digital animation. The layering of image levels, which is a part of common image processing techniques among other things, shows how the overlapping of image information has become symptomatic of our perception.

 

What all these artists have in common is that they use the moment as an interval of deferral. Despite differences in chemical and technical composition, an experimental approach to parameters of the medium is essential. The participating artists have opened the door wide to the digital era without ignoring the photographic achievements of the past, or insights gained from other media. In this practice lies the chronological stretch—the extension of the sequence.

 

Katharina Klang