Achenbach Hagemeier

Press Release

 

Pressemitteilung August 2019

ACHENBACH HAGEMEIER
präsentiert 

 

PAINTING ZEITGEIST?

Stephen Felton, Emily Furr, Jörg Immendorff, Rashid Johnson, JPW3, Per Kirkeby, Ida Tursic & Wilfried Mille, A.R. Penck, Josh Reames, Megan Rooney, Jana Schröder, Henning Strassburger, Chris Succo, Anna Virnich

30. August – 31. Oktober 2019

Achenbach Hagemeier freut sich außerordentlich auf die generationenumspannende Gruppenausstellung »Painting Zeitgeist?«mit 15 internationalen Künstlerinnen und Künstlern. Die Ausstellungseröffnung findet am 29. August von 19 – 21 Uhr statt.

How to think the new in face of the utter absence of its premises and conditions?
Louis Althusser, Machiavelli’s Solitude, 1977

When you say it’s gonna happen ›now‹, when exactly do you mean? 
See, I’ve already waited too long and all my hope is gone.
The Smiths, How soon is now?, 1985

In einem Augenblick, in dem sich die Wirklichkeit zwischen digitaler Immaterialität und aufständischer Physis zerreißt, fragt »Painting Zeitgeist?«nach dem Gegenwartsbezug der Malerei. Bloß was ist Gegenwart? Was ›Zeitgeist‹? Ist es die Mentalität – die Wünsche, Sehnsüchte, Ängste – einer Epoche, eines Jahrzehnts, einer Saison? Durch das gesamte 20. Jahrhundert hindurch sind diese Takte immer schneller, immer kürzer geworden, bis mit einem Mal alles zu jeder Zeit vorhanden war. Die ›Jetztzeit‹ hat sich von der Geschichte gelöst und ist in der permanenten Verfügbarkeit von Erfahrung, Information, Lokalität aufgegangen. Alle politischen Identitätskrisen nach 1990, 9/11 oder die jüngste Finanzkrise haben dies auf globaler Ebene nur noch weiter beschleunigt.
Wenn aber alles gleichzeitig stattfindet und gleichwertig ist, wird im selben Moment alles gleichgültig. In solch uneingeschränkter Allgegenwart gibt es keine Distanz, aus der heraus sich etwas erkennen ließe, und damit gibt es auch kein Verstehen. Es gibt keinen Bezugsrahmen mehr. Wir können gar nicht sagen, was Gegenwart wäre oder sein sollte. Diese Verunsicherung ist fundamental.
»Painting Zeitgeist?«, was heißt das also? Ist es ein uniformes, unhinterfragtes und zuletzt unfreies Integriertsein? Gibt es Widerstand? Ist Erfahrung nochindividuell oder längst ein austauschbares, sich selbst reproduzierendes Klischee? Kapituliert man ›staunend‹ vor den Neuen Technologien oder eignet man sie sich an und kehrt sie gegen sich? Und dennoch … man will doch in der eigenen Zeit sein, teilhaben, verstehen, was geschieht. Die Frage wäre jedoch, ob dies mit der Zeit oder gerade gegen sie gelingt.
Die Malerei gehört zum visuellen Vokabular der Gegenwart, mit all ihren Widersprüchen. Gemälde gehören nach wie vor zu dieser Zeit und dann auch wieder überhaupt nicht. Zwischen vermeintlicher Authentizität und strategisch angeeignetem Ready-made, zwischen reproduziertem Gefühl und tatsächlicher Erfahrung verbindet dies die 15 Künstlerinnen und Künstler in »Painting Zeitgeist?«. Ungeachtet ihres Alters, ihrer Herkunft, konträren Stile und künstlerischen Haltungen, die Gegenwart ist das Ausgangsmaterial:

Dies mag gravierende, fast tragische Züge annehmen wie im Fall von Per Kirkeby (1938–2018),A.R. Penck (1939–2017)oderJörg Immendorff (1945–2007), denen nach dem Zeitenbruch in den 1990ern sämtliche politisch-sozialen Bezugssysteme und alle verlässlichen Bildmodelle implodieren und abhandenkommen. 
Wie geht man damit aus? Man kann die Wogen der populären Bilderflut akzeptieren und festhalten wie Ida Tursic & Wilfried Mille (*1974). Man kann aber auch das malerische Alphabet von Grund auf neu lernen wie Stephen Felton (*1975) und ›einfach‹ sagen: Vogel, Zaun, Wäscheleine, Fisch, Boot, Welle, Haus, Stuhl, Regenbogen. Man kann wie Rashid Johnson (*1977)versuchen, aus der verschütteten Geschichte die eigene kulturelle Identität zu rekonstruieren. Völlig entrückt wie Emily Furr (*1978)die Absurdität der Alltagswelt und ihrer ›Apparate‹ bis ins Unermessliche des Weltalls steigern. Oder wie Chris Succo (*1979)der gegebenen Immaterialität eines Gemäldes trotzen und auf dessen Physis und bildhafter Leiblichkeit beharren.

Die unstete, flüssig und liquide Erscheinung der Gegenwart kann allerdings genauso in die Substanz des eigenen Materials eingehen, wie es JPW3 (*1981)in seinen Wachs-basierten Bildern zulässt. Für Jana Schröder (*1983)sind es die flüchtigen Bewegungen ihrer Hand, die ihren Körper schreibend die eigene Erfahrung gegenwärtig machen. Henning Strassburger (*1983)fragt nach den Bedingungen und Möglichkeiten der malerischen Erzählung inmitten der gegenwärtigen ›Massenbildkultur‹, denn je unauthentischer ein Bild wird, desto ›wirklicher‹ ist es. Anna Virnich (*1984)untersucht in ihren assemblierten Stoffbildern die grundlegenden Eigenschaften und ästhetischen Auswirkungen ihres fragmentierten Materialbestands – bloße Stofffetzen oder minimalistisch abstrakte Kompositionen. Die Gemälde von Josh Reames (*1985)erscheinen demgegenüber wie Displays, deren Ebenen und Motive sich konstant vervielfältigen und in eine kühle Hyperrealität verschieben. Megan Rooney (*1985)versteht ihre Praxis, in der die Malerei ebenso wie der direkte Einbezug der BetrachterInnen gleichberechtigte Rollen spielen, hingegenals erinnernden Nachvollzug und performative Wiederaufführung von Alltagsspuren, Begegnungen und Situationen.
Sie alle zeichnen bewusst oder unbewusst auf, was da ist. Und nichtsdestotrotz ist es ungewohnt, dass die Malerei, dass gemalte Bilder heute keine Antworten mehr geben, sondern immer neue Fragen aufwerfen. Vielleicht liegt aber auch gerade darin eine Chance für die Malerei. Denn so, wie sich die Frage nach der Gegenwart nur individuell stellen lässt, lässt sie sich zuletzt auch nur individuell beantworten. 

Christian Malycha

 

 

Press Release August 2019

ACHENBACH HAGEMEIER
presents

 

PAINTING ZEITGEIST?

Stephen Felton, Emily Furr, Jörg Immendorff, Rashid Johnson, JPW3, Per Kirkeby, Ida Tursic & Wilfried Mille, A.R. Penck, Josh Reams, Megan Rooney, Jana Schröder, Henning Strassburger, Chris Succo, Anna Virnich

August 30 – October 31, 2019

Achenbach Hagemeier is very much looking forward toPainting Zeitgeist?,a cross-generational group exhibition with fifteen international artists. The exhibition opening will take place on August 29 from 7 – 9 pm.

How to think the new in face of the utter absence of its premises and conditions?
Louis Althusser, Machiavelli’s Solitude, 1977

When you say it’s gonna happen “now,” when exactly do you mean? 
See, I’ve already waited too long and all my hope is gone.
The Smiths, How Soon Is Now?, 1985

At a moment when reality is torn between digital immateriality and insurrectionary physicality, Painting Zeitgeist?explores the contemporary relevance of painting. But what is contemporary? What is a zeitgeist? Is it the mentality—the desires, longings, fears—of an era, a decade, a season? Throughout the whole of the twentieth century these rhythms have become increasingly faster and shorter, until suddenly everything was available at all times. The present has broken away from history and has merged into the permanent availability of experience, information, locality. All the political identity crises after 1990, 9/11, and the recent financial crisis have only further accelerated this on a global scale.
But if everything happens at the same time and is equivalent, then in that same instant everything becomes indifferent. In this unlimited ubiquity there is no distance from which something could be recognized, and there is therefore no understanding either. There is no longer a frame of reference. We simply cannot say what the present is or should be. This uncertainty is fundamental.
Painting Zeitgeist?—what does that mean? Is it a uniform, unquestioned, and ultimately unfree state of integration? Is there resistance? Is experience still individual, or has it long since been an interchangeable, self-reproducing cliché? Does one concede victory to the New Technologies in astonishment, or does one appropriate them and turn them against themselves? And yet one still wants to be in one’s own time period, participating and understanding what is happening. The question, however, would be whether this succeeds over time, or in fact in spite of it. 
Painting belongs to the visual vocabulary of the present, with all its contradictions. Paintings still belong to this period, but then again they do not. The fifteen artists of Painting Zeitgeist? are united by their position somewhere between supposed authenticity and strategically appropriated readymades, between reproduced feeling and actual experience.Regardless of their age, their origin, their differing styles and artistic attitudes, the present is their raw material:

This may assume serious, almost tragic characteristics, such as in the works of Per Kirkeby (1938–2018)A.R. Penck (1939–2017), and Jörg Immendorff (1945–2007), for whom all political and social reference systems and all reliable image models imploded and disappeared after the period of upheaval in the 1990s.
How does one proceed with this? One can accept and cling to the waves of the popular flood of images like Ida Tursic & Wilfried Mille (*1974). But one can also relearn the visual alphabet from scratch, like Stephen Felton (*1975), and “simply” say: bird, fence, clothesline, fish, boat, wave, house, chair, rainbow. One can try to reconstruct one’s own cultural identity from buried history like Rashid Johnson (*1977). Completely lost in reverie, like Emily Furr (*1978), increase the absurdity of the everyday world and its “apparatus” until it reaches the immensity of the universe. Or defy the given immateriality of a painting likeChris Succo (*1979) and insist on its physicality and metaphorical corporeality.

However, the unstable, fluid, and liquid appearance of the present can equally be adopted by the substance of one’s own material, as JPW3 (*1981)allows in his wax-based images. For Jana Schröder (*1983), it is the fleeting movements of her hand, writing her body, that make her own experience current. Henning Strassburger (*1983)explores the conditions and possibilities of the painterly narrative in the midst of the contemporary “mass visual culture,” for the more inauthentic a picture becomes, the “more real” it is.In her assembled textile images,Anna Virnich (*1984)examines the fundamental properties and aesthetic effects of her fragmented stock of materials: mere scraps of fabric, or minimalist abstract compositions. In contrast, the paintings by Josh Reames (*1985)seem like displays whose levels and motifs are constantly reproducing and shifting into a cool hyperreality. Conversely, Megan Rooney (*1985)understands her practice—in which both painting and the viewers’ direct involvement play an equal role—as an evocative reenactment and performative restaging of the traces of everyday life, encounters, and situations.
Consciously or unconsciously, they all capture what's there. And yet it is strange that painting, that painted pictures no longer give answers today, but instead raise more and more new questions. But perhaps therein lies precisely an opportunity for painting, too. For just as the question of the present can only be asked individually, it can also only be answered individually.

Christian Malycha