Achenbach Hagemeier

Press Release

 

Pressemitteilung Februar 2021

ACHENBACH HAGEMEIER
präsentiert 

AS ABOVE SO BELOW

18. Februar 2021 – 25. März 2021

Achenbach Hagemeier freut sich im höchsten Maße auf die Ausstellung AS ABOVE SO BELOW der beiden Künstlerinnen Anna Vogel und Marion Benoit in den Berliner Galerieräumen.

Sichtbarkeit. Wahrnehmung. Phänomenologie – Erkenntnis durch Erscheinungen. Wie die Naturwissenschaften so ist auch die Kunst auf der stetigen Suche nach neuen Erkenntnissen. Den Blick auf unsere Welt verändern, schärfen, deuten – stets auf der Suche nach der Wahrheit – nach dem Sinn.

Wie kein anderes (künstlerisches) Medium wird die Fotografie nach Wahrheit untersucht. So gilt es auch heute noch als Dokumentation – als Zeuge oder Abbild der Wirklichkeit. Als „Es ist so gewesen“ beschrieb der Philosoph Roland Barthes 1980 in „Die helle Kammer“ das Wesen der Fotografie. Selbstverständlich gilt dies auch heute noch, allerdings nicht immer und überall. Insbesondere das Web 2.0 und neue digitale Möglichkeiten erlauben Fotografie als etwas Neues zu verstehen. Der Aspekt des Sichtbarmachens ist jedoch nach wie vor zentral. Denn wenn das Medium eins kann, dann ist es Dinge, Vorgänge oder Zustände sichtbar zu machen, die dem (menschlichen) Auge sonst verwehrt bleiben. Man denke hier an die ersten Bewegungsstudien von Muybridge bis hin zu Aufnahmen von Schwarzen Löchern heute.


Welche Rolle unsere Sehgewohnheiten bei der Betrachtung von Bildern – speziell von Fotografien – haben, thematisiert Anna Vogel in ihren Arbeiten. Im Stil der Appropriation Art, der Kunst der Aneignung, fotografiert Vogel nicht selbst. Sie benutzt Bilder aus dem Internet, sogenanntes found footage und bearbeitet diese weiter. Die ausgewählten Motive sind meist Schnittstellen zwischen Natur und Kultur. Eingriffe des Menschen in natürliche Räume; die zunehmende Vereinnahmung und Veränderung von Landschaft durch zivilisatorische Prozesse.

Bei ihrer aktuellen Serie „Electric Mountains“ handelt es sich um Nachtaufnahmen von Städten und Regionen in den Bergen. Durch aufwändige Bildbearbeitungsprozesse, die bei Vogel sowohl digital als auch analog stattfinden, entstehen neue, pulsierende und abstrakte Sichtbarkeiten. Durch Vergrößerung oder Verzerrung werden ausgewählte Ausschnitte digital bearbeitet und verfremdet. Im zweiten Schritt werden verschiedene analoge Praktiken angewandt. So übermalt Vogel die auf Fotopapier gedruckten Bilder oder besprüht sie mit Lackfarbe. Anschließend werden mit Tuschestift feinste Linien gezogen. Mit präzisen Skalpellen wird die Bildoberfläche zusätzlich eingeritzt und das darunter liegende weiße Fotopapier kommt zu Tage. Die so entstandenen Fotografien sind voller Dynamik und haben eine elektrisierende Wirkung. Wellenförmig ziehen sich abstrakt-vibrierende Strukturen durch das Bild. Hier und da glaubt man etwas zu erkennen, man ist berührt und irritiert zugleich.


Kommen wir von den hohen Bergen zu den tiefen Gewässern. Marion Benoit studierte wie Anna Vogel Fotografie an der Kunstakademie Düsseldorf. Zunächst bei Martin Gostner, dann bei Thomas Ruff, weiter bei Tal R und schließlich bei Christopher Williams und Andreas Gursky. Was zunächst nach einem wirren Studium klingt, war für Benoit sehr fruchtbar. Die unterschiedlichen Arbeits- und Herangehensweisen der Professoren boten für Benoit einen Nährboden verschiedenster Qualitäten. So beschäftigte Sie sich zunächst mit Detail- und Nahaufnahmen von Farbverläufen auf unterschiedlichen Stoffen und Oberflächen. Der Einfluss des Menschen auf Materialien, die Synthetik von Stoffen und der Umgang mit ihnen sind in ihren Arbeiten ebenso zu finden wie Zufälle. Die Farbverläufe lassen sich nur begrenzt kontrollieren und das Motiv des Chaos, bedingt durch Zufälligkeit und den Eigenschaften der Untergrundstrukturen, lässt sich häufig in ihren frühen Arbeiten finden.
Im Jahr 2015 fasste Benoit den Entschluss, die Materialen und Gegenstände für ihre Fotografien selbst zu kreieren. Zeitgleich begann sie ihr Hausprojekt in Südfrankreich, wo sie seitdem lebt. In wissenschaftlicher Manier forscht Benoit an Glasuren und Keramik, laboriert mit Tabellen und Formeln, experimentiert mit Mengen und Temperaturen. Für die Herstellung ihrer eigenen Glasuren, benutzt Benoit unter anderem organische Stoffe wie Titan, Kupfer, Glass, Kaolin oder selbst hergestellte Asche, welche mehrmals gesiebt und verfeinert wird. Die höchst feinen Rezepte mit Angaben im Milligramm Bereich erfordern höchste Konzentration und Genauigkeit. Während dieser Arbeitsprozess beinahe Laborcharakter besitzt und alles sehr genau bestimmt werden muss, ist der anschließende Glasur- und Brennvorgang eher chaotischer Natur. Hier hat man keinen Einfluss mehr, gibt die Kontrolle ab und selbst bei exakter Ofeneinstellung variiert jeder Brennvorgang und schafft Einzelstücke. Der keramische Brennofen ist ihr Partner.
Während einer Hypnose hat Benoit eine Unterwasserwanderung unternommen. Die phänomenalen Eindrücke und gesehenen Farben und Formen hat sie anschließend nachmodelliert. Nicht erstaunlich ist also der Titel der neu entstandenen Arbeiten: Sirène. Wie bei der mythologischen Figur wird der Betrachter in eine phantastische Welt hineingesogen. Bis auf zwei figurative Skulpturen, die die Titel „Antinéa“ und Rhéa“ tragen und ein Bezug zum Roman „L'Atlantide“ von Pierre Benoit herstellen, sind die Arbeiten abstrakt und anamorph. Der Betrachter wird eingeladen in die mystische Unterwasserwelt von Atlantis hinabzusteigen und seinen Sinnen freien Lauf lassen.

Die Ausstellung „AS ABOVE SO BELOW“ verbindet zwei unterschiedliche Positionen und künstlerische Strategien, die jedoch bei näherer Betrachtung erstaunlich viele Gemeinsamkeiten haben und sich hervorragend ergänzen. Der Meeresspiegel als unsichtbare Linie; Trennung und Verbindung zugleich. Die Suche nach neuen Sichtbarkeiten, wissenschaftliches, präzises Arbeiten und der Drang in die Natur – hier sind es die Berge, dort der Ozean.

 

Paul Jansen

 

Press Release February 2021

ACHENBACH HAGEMEIER
presents 

AS ABOVE SO BELOW

18 February 2021 – 25 March 2021

Achenbach Hagemeier is delighted to present the exhibition AS ABOVE SO BELOW by artists Anna Vogel and Marion Benoit in its Berlin gallery space.

Visibility. Perception. Phenomenology—knowledge through appearances. Like the natural sciences, art is constantly searching for new insights. Changing, sharpening, interpreting our view of the world, always searching for truth—for meaning.


Photography is examined for truth like no other (artistic) medium. Consequently, it is still considered as documentation today—as a witness or reflection of reality. In his 1980 work Camera Lucida, the philosopher Roland Barthes described the essence of photography as “that has been.” Of course, this is still true today, but not in every instance. Web 2.0 and new digital possibilities in particular are enabling photography to be understood as something new. The aspect of making things visible remains central, however. Because if there is one thing this medium can do, it is to make things, processes, or conditions otherwise hidden from the (human) eye visible. This applies just as much to Muybridge’s first motion studies as it does to photographs of black holes today.

 

In her works, Anna Vogel explores the role played by our normal ways of seeing when viewing images, especially photographs. In the style of Appropriation Art, Vogel does not take photographs herself. She uses images from the internet, so-called found footage, and then edits them further. The selected motifs are situated mostly at the interface between nature and culture. Human intervention in natural spaces: the increasing monopolization and alteration of landscapes through civilizing processes.

Her current series Electric Mountains features night shots of mountain cities and regions. New, vibrant, and abstract visibilities are created through elaborate image editing processes, which in Vogel’s case are both digital and analog, Selected sections of images are digitally processed and defamiliarized, whether through enlargement or distortion. The next step is the application of various analog practices. For example, Vogel paints over the images printed on photographic paper or sprays them with lacquer. Fine lines are then drawn in ink. Additional scratches are carved into the surface of the image with sharp scalpels, revealing the white photographic paper underneath. The resulting photographs are dynamic and electrifying. Abstract, vibrating structures stretch across the image in undulating waves. Every so often something seems recognizable—the viewer is moved and disoriented at the same time.


Let’s move from high mountains to deep waters. Like Anna Vogel, Marion Benoit studied photography at the Kunstakademie Düsseldorf, first under Martin Gostner, then Thomas Ruff, Tal R, and finally, Christopher Williams and Andreas Gursky. What may initially sound like a chaotic course of study was very fruitful for Benoit. The different working methods and approaches of her professors provided Benoit with a hotbed of diverse qualities. For example, her initial focus was on detailed and close-up images of color gradients on different fabrics and surfaces. The influence of humans on materials, synthetic fabrics, and how they are used are all present in her works, as well as elements of chance. The color gradients can only be controlled to a limited extent, and the motif of chaos—due to random chance and the properties of the underlying fabrics—can often be found in her early works.
In 2015, Benoit made the decision to create the materials and objects for her photographs herself. At the same time, she began her house project in the south of France, where she has lived since then. In a scientific manner, Benoit researches glazes and ceramics, works with tables and formulas, experiments with quantities and temperatures. For the production of her own glazes, Benoit uses organic materials such as titanium, copper, glass, kaolin or ash produced by herself, which is sieved and refined several times. The highly refined recipes, with specifications in the milligram range, require the utmost concentration and accuracy. While this work process is of an almost laboratory nature, and everything must be very precisely calculated, the subsequent glazing and firing process is more chaotic in nature. One can no longer have any influence here; control is relinquished and even with exact kiln settings, each firing process varies and creates unique pieces. The ceramic kiln is her partner.
During a hypnosis she went on an underwater hike. She subsequently modeled the phenomenal impressions as well as the colors and shapes she saw in her work. Not surprising, then, is the title of the newly created works: Sirène. As with the mythological figure, the viewer is drawn into a fantastic world. Apart from two figurative sculptures titled Antinéa and Rhéa, which are a reference to Pierre Benoit’s novel L’Atlantide, the works are abstract and anamorphic. The viewer is invited to descend into the mystical underwater world of Atlantis and let their senses run free.

The exhibition AS ABOVE SO BELOW unites two different artistic positions and strategies; on closer inspection, however, they have a surprising amount in common and complement each other perfectly. The sea level as an invisible line: separation and connection at the same time. The search for new visibilities, scientific, precise work, and an urge to go into nature—for one, the mountains, for the other, the ocean.

 

 

Paul Jansen